Sonntag, 7. Oktober 2012

Das ehemalige Sägewerk

Wer die Stille und Einsamkeit zu schätzen weiß, ab und zu die Seele von der Leine lassen und sich prächtig erholen möchte, ist hier in Kanada genau richtig. Ok, wir haben auch Städte und Orte an denen es nicht so Ruhig ist, aber ich gehe jetzt mal von mir aus und ich suche immer wieder die große Freiheit in der großen (halb) Wildnis dieses Landes. Und garantiert; die finde ich hier!
So geht es auch heute (endlich) weiter mit meinen Algonquin Bericht.
Hier im Park gibt es diese Stille. Weit über 200 Zugvögel sind schon in Richtung Süden zum überwintern gedüst und hinterlassen nichts als eine zwitschernde Stille.
Das erste Foto war am Strand unseres Camps. Es war kein großer Platz, nur 72 Plätze und fast alle belegt. Doch da die Schulferien beendet waren, kamen fast nur Senioren mit ihren riesen, riesen Campingbusse und riesen, riesen große Wohnmobile. Also bleibt es bei der Ruhe.
 Manchmal schon ein wenig unheimlich wie still es auf eine Wanderung ist. Nur die Eichhörnchen und Streifenhörnchen hört man im Laub rascheln. So auch eines Abends bei Einbruch der Dunkelheit hier am Strand, machte ich einen „Verdauungsspaziergang“. Es war sehr kühl geworden und ich war mit einer schnatternden Scharr Gänse ganz allein. Es war so still, dass beim ersten lautstarken Erfolg meines bezweckten Spaziergangs, alle Gänse aufschraken und in die schon fast Dunkelheit hineinflogen… nur weg von mir.

 Auf meine Wanderwege treffe ich selten auf Menschen, was einerseits auch gut ist, sonst käme ich ja nie vorwärts. Trifft man hier auf Jemanden, reicht nicht nur ein kurzer Gruß, nein, es muss auch immer ein Schwätzchen folgen. Sollte es doch mal vorkommen (fast nie), dass man keine oder nur ganz kurze Antwort auf einen Gruß bekommt, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass es sich um französische Kanadier handelt. Von Ausnahmen abgesehen und auch will ich niemanden auf dem Schlips treten, aber die sind hier für uns sowas Ähnliches wie die Argentinier für den restlichen Südamerikanern sind.
Aber wie gesagt sehr selten.
Meine Geschichte heute, habe ich auch ein paar Passanten abgehört.
Ich machte mich auf den Spuren des alten Sägewerks und lief entlang des „Whitefisch“ Sees, was nicht mehr erkennbar, aber mal Eisenbahngleise waren.
Hier z.B. am Anfang des Sees über eine alte Eisenbrücke, kommt doch tatsächlich ein kleines Boot angeschippert. Und tatsächlich; als sie mich oben auf der Brücke stehen sahen, machten sie den Motor aus um mit mir zu schwätzen und sich dafür zu bedanken, dass ich sie fotografiert habe. 
 Dann sind sie weiter und ich setzte meinen „hike“ fort.
 Ein paar Bilder am Whitefish lake entlang.





So hat es mal früher ausgesehen. Ein laufender betrieb.



So sieht es heute aus. Alles was zurückblieb, ein großer freier Platz mitten im Wald.
Erkennbar sind noch Reste von Holz.



 Nicht zu übersehen; Rostroter Schrott der von der Sonne angestrahlt in der grünen Umgebung aufleuchtet.
 



 All das lässt erkennen, dass hier mal richtig was los war und nicht immer so eine Stille herrschte.
Auch ich schwebte gedanklich hier auf den leeren Platz in einer alten Zeit als urplötzlich zwei große Hunde auf mich zugeschossen kamen. Ein Husky und junger weißer von Kopf bis Schwanz von Locken umgeben und so groß wie ein Kalb! Uuuups… aber, da kamen auch schon zwei ältere Damen aus dem Wald der gegenüber liegenden Seite, hinterher geschossen und laut nach den ungerhorsamen Hunden rufend. Eigentlich waren es noch keine „ältere“ Damen, sie waren höchstens so alt wie ich!
Hunde hier von der Leine zu lassen, kann evtl. mit ein Nimmerwiedersehen des Hundes enden. So vermutete ich keine Touristen wie ich Touristen z.B.
Bis zum ankommen der Damen, befand ich mich inzwischen schon beim Hundestreicheln.
Die Damen entschuldigten sich mehrmals wegen des freundlichen Überfalles der Hunde und schon kamen wir ins Gespräch (wie üblich eben).
Die eine erzählte mir, dass sie von ihren Großeltern ein kleines Cottage unten am Wasser geerbt hat und z.Z. dort Urlaub macht. Ganz ohne Strom, fließend Wasser, oder sonstigen Luxus. Das Cottage stammt noch aus der Zeit des Sägewerks und gehört zu den wenigen die noch so zu sagen in fast Privatbesitz innerhalb des Parks bestehen.
Ich fragte nach dem Sägewerk und sie erzählte mir darüber. Darunter eine kleine Geschichte aus ihrer Kindheit, die meine Phantasie in dieser Zeit versetzte und hier, diesen leeren Platz erneut, in Gedanken zumindest, zum Leben erweckte.
Ihre Geschichte: 
„ich erinnere mich… als wir Kinder waren, haben meine Schwester und ich hier bei unsere Großeltern in den Cottage unsere Ferien verbracht. Das Sägewerk hatte Hochbetrieb, es wurde Tag und Nacht gearbeitet. Es waren viele Menschen da, es war laut und viel Leben drum herum. Der Koch vom Sägewerk war ein ganz lieber alter Mann der uns sehr mochte. So sind wir jeden Abend vom Cottage ausgebüchst und heimlich zu ihm in die Küche des Sägewerks. Wir bekamen jeder einen großen Becher Tee und frischgebackene Kekse. Anschließend durften wir mit ihm die Bären füttern, die wie jeden Abend aus dem Wald kamen und die Küchenabfälle verputzen.“
Ich fand die Geschichte sehr schön und musste an Eigene aus meiner Kindheit denken.
Die Macht der Gewohnheit zwang mich zum Umschauen nach einem kleinen Stück Holz. Einfach so, um es als Andenken mitzunehmen. Schon stieß mein Blick auf den kleinen „auf mich warteten Flieger“ der vor mir lag. Klar, der musste mit!

Herzliche Sonntagsgrüße und an allen kanadischen Leser;
„Happy Thanksgiving“!

Kommentare:

  1. Happy Thanksgiving to you too Ela! Wieder wunderschoene Bilder, die Du fuer uns hast. Bei dem Kommentar mit den Francocanadiern musste ich grinsen, das kennen wir hier auch.
    GLG aus NB,
    Sue

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  2. Happy Thanksgiving Ela und danke für den anschaulichen Bericht und die tollen Bilder! Natur pur- so wunderschön
    LG
    Elma

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  3. Liebe Ela,

    ich genieße so sehr deine tollen Berichte, die Fotos, etc...auch wenn ich´s schon öfters schrieb, ich bekomme einfach nicht genug...am liebsten würde ich mich in´s Flugzeug setzen und zu dir fliegen und die Welt dort mal genießen...einfach wundervoll...

    Liebe Grüße
    Birgit

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